Blog-Classics: Tristesse des Alltags

Mir viel auf, dass es mal wieder Zeit wäre für einen Blogeingtrag. Zudem beginne ich heute mit etwas, das ich schon länger plane. Nämlich hier immer mal wieder ältere Blogeinträge des Blog 1.0 bei KWICK! zu veröffentlichen. Die Rubrik habe ich Blog-Classics getauft – originell, oder nicht? Bitteschön, hier ein ehemaliger Blogeintrag, erstellt kurz nach dem Eislaufsaisonende im Eistreff Waldbronn aus dem Jahr 2011:

Nachdem nun der Eistreff vor einiger Zeit sein Pforten schloss um den Frühling willkommen zu heißen, hat man wieder Zeit sich anderen Dingen zu widmen. Also hat sich meiner Einer wieder auf ein Buch gestürzt. Es war das erste von mehreren einer Buchreihe. Die Tatsache, dass es innerhalb drei Tagen gelesen war, brachte mich zum Entschluss die restlichen auch in Angriff zu nehmen. Dietmar Wischmeyers Logbuch behandelt den Alltag, den wir alle tagtäglich erleben und seinen kleinen und großen Ärgernissen oder sonstigen Dingen, die einen fast in den Wahnsinn treiben. Nichts, auch nicht das kleinste Detail wird ausgelassen. Und zugegebenermaßen erkennt man sich in einigen Dingen selbst wieder. Zusätzlich sind unter jedem der Texte, von denen kaum einer länger als zwei Buchseiten ist, kurze Gedanken von Kassowarth von Sondermühlen, einer fiktiven Figur des Autors, notiert. Wer allerdings nicht damit umgehen kann, wenn mal einer kein Blatt vor dem Mund nimmt, sollte dieses Buch meiden. Wen das aber nicht stört, wird denselben Spaß daran finden wie ich ihn hatte und bereits mit dem Nachfolger habe. Für alle Interessierten hier ein Textauszug:

Quelle: Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten

Was ist es eigentlich, das uns täglich runterzieht und verzweifeln lässt: Es ist die ständige Wiederkehr des Banalen: das Brötchenschmieren, das Staubsaugen, das Tanken. „Wie oft“, fragen wir uns, wenn wir wieder mal an Säule 4 glasig in die Ferne starren, „wie oft muss ich hier noch stehen in meinem Leben?“ Das kann doch nicht alles gewesen sein auf Erden: an Säule 4 stehen und den Rüssel in den Fiesta halten? Doch wenn wir an der Kasse sind, wissen wir nicht einmal mehr, welche Säule es war: Tücke des Banalen, Tristesse des Alltäglichen. Das ganze Leben scheint angefüllt mit Handlungen aus dem Baukasten der Langeweile, die sich zu den immer gleichen Mustern Tag für Tag verknoten: Müll an die Straße stellen, Kontoauszüge abheften, Milchtüten aufreißen, und immer wieder tanken – doof an den Säulen stehen und in die Ferne starren. Immer den selben Satz lesen: „Bei Scheckbezahlung wird eine Gebühr von DM 0,50 erhoben.“ Hilfe, lasst mich hier raus! Um uns herum steht ein Zaun aus Geboten: „Bevor man auf die Straße geht, zieht man sich eine Hose an.“ – „Wenn die fette Pickelvisage aus der Tür guckt, sagt man ‚Guten Morgen, Frau Kleinert’.“ – „Steht der Zeiger auf ROT, dann muss man wieder volltanken.“ – Jeden Tag dieselbe Strecke ins Büro fahren. Da liegt schon seit drei Jahren ein modriger Teppichrest im Garten, vorm Baumarkt stehen Aluleitern und Betonmischer, an der Bushaltestelle: „Katrin, ich libe dich.“ – nur mit einfach „i“. Zwischen Zubringer und Finkenweg lohnt sich das Hochschalten in den Vierten eigentlich nicht, aber im Dritten ist es immer so laut. Man möchte sich halt beschäftigen und nicht nur bei heulender Maschine warten, bis der verfickte Finkenweg endlich kommt. Noch immer gibt es traumhafte Orte auf dieser Erde, Palmenstrände und endlose Wälder mit vielen Bächen, und wo sind wir jeden Tag? Im Finkenweg. Angesichts der Endlichkeit unseres Lebens gibt es eigentlich keine Rechtfertigung dafür, auch nur eine Sekunde davon in diesem widerwärtigen Drecks-Finkenweg zu vergeuden. Und doch zieht es uns magisch jeden Tag in diese städtebauliche Beleidigung, weil uns irgend jemand eingeflüstert hat, wir müssten einen Beruf ausüben, um zu leben. Und ein anderer hat uns gesagt, Filialleiter bei Fliesen-Heydrich sei ein ganz feiner Beruf, da könne man’s wohl aushalten. (…) Bonjour Tristesse. Gute Nacht allerseits.


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„Wer einen Tag lang gelebt hat, hat ein Jahrhundert gelebt: dieselbe Sonne, dieselbe Erde, dieselbe Welt, dieselben Empfindungen; nichts gleicht dem Heute so sehr wie das Morgen.“

Jean de la Bruyère, französischer Philosoph und Schriftsteller

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